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7.5.2020

Wie hilfreich sind Immuntests?

Hoffnung Antikörpertest

Mehr als 2,8 Millionen Menschen haben sich inzwischen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infiziert, davon mehr als 1,3 Millionen in Europa. Ängste und Sorgen sind groß. Zu wissen, dass man immun ist, würde eine enorme Erleichterung bedeuten und hätte erhebliche Auswirkungen auf den Alltag.  

von Dr. med. Birgit Degenfeld-Schonburg

Berichtet wird aktuell von zwei verschiedenen Testmöglichkeiten, die untersuchen, ob eine Person Abwehrstoffe gegen SARS-CoV-2 entwickelt hat, die das Virus abwehren und neutralisieren können:  

  • Selbsttests oder Schnelltests für zu Hause, die in einem selber entnommenen Blutstropfen nach Antikörpern suchen
  • ELISA-Testungen im Labor mittels einer beim Arzt entnommenen Blutprobe
Bei ELISA – oder auch Enzyme-Linked ImmunoSorbent Assay – werden IgG-Antikörper gegen SARS-CoV-2 untersucht.
Schnelltests vs. ELISA-Tests


Vor der Verwendung der Schnelltest ist unbedingt abzuraten. Alle ärztlichen Fachgesellschaften und auch die WHO warnen aus folgenden Gründen dringend davor:

  • Viele der Schnelltest weisen eine sogenannte Kreuzreaktion mit anderen harmlosen Coronaviren auf. Es passiert sehr häufig, dass diese Schnelltests Antikörper anzeigen, die gar nicht gegen SARS-CoV-2 gerichtet sind, sondern gegen andere der bisher bekannten Untertypen des Coronavirus. Da ca. 90% der Erwachsenen in Europa Antikörper gegen diese in der Regel harmlosen Coronaviren in sich tragen, kann es schnell passieren, dass man sich fälschlich geschützt fühlt.
  • Ein aussagekräftiger Test muss sehr spezifisch nach Viruspartikeln suchen, die nur im SARS-CoV-2-Virus gefunden werden und dies tun die billig am Markt angebotenen Schnelltests nicht.
  • Es kursieren vor allem online viele Fälschungen der Schnelltests. Kriminelle haben ein leichtes Spiel, um die Ängste der Menschen auszubeuten.

Positives Testergebnis besprechen


Die ELISA-Testungen  (ELISA = enzym-linked immuno-sorbent assay) im Labor weisen sehr spezifisch Antikörper gegen das aktuelle Coronavirus nach, und auch im Rahmen großer Testungen wurden keine Kreuzreaktionen mit den anderen „Erkältungs-Coronaviren“ gefunden.

Diese ELISA -Antikörper gegen SARS-CoV-2 werden frühestens zehn Tage, in der Regel circa zwei Wochen nach Beginn der Symptome gebildet. Wichtig zu wissen: der ELISA-Test eignet sich daher nicht für den Nachweis einer akuten Infektion.

Verlauf einer Coronavirus-Infektion: Von der Infektion bis zur Bildung der Antikörper

Eine weitere offene Frage: wir haben aktuell keine Sicherheit, dass Menschen, die sich von Covid-19 erholt und nachweisbar Antikörper entwickelt haben, vor einer zweiten Infektion geschützt sind.  

Das bedeutet: der Nachweis von Antikörpern gegen COVID-19 sagt uns (noch) nicht sicher, ob die Person nun robust und dauerhaft gegen eine erneute Ansteckung gefeit ist.  

Dementsprechend kann eine Person, bei der Antikörper gegen COVID-19 gefunden wurden, nicht automatisch auf die üblichen Schutzmaßnahmen verzichten.  

Bitte besprechen sie ihr persönliches Testergebnis daher immer mit einem Arzt. Haben Sie konkrete Fragen dazu, können Sie sich auch gerne an uns wenden.

Zweite Welle - immer noch geschützt?


Derzeit gehen Experten davon aus, dass ein partieller Immunschutz für etwa drei Jahre bestehen wird. Es laufen aktuell viele Untersuchungen, um darüber Sicherheit zu gewinnen. Erste klinische Versuche zeigen, dass Immunglobuline aus dem Blut von Personen, die bereits eine Infektion überstanden haben, erfolgreich zur Therapie von COVID-19 eingesetzt werden können. Dies berechtigt zur Hoffnung, dass auch die Person selber eine erneute Infektion mit COVID-19 abwehren kann. Aber weder die WHO noch die Forschungsteams legen sich derzeit dazu fest.

Zu guter Letzt: um der Corona Pandemie intelligent zu begegnen, müssen wir die Ausbreitung von SARS-CoV-2 genau verstehen. Dazu werden Untersuchungen mit ELISA viel beitragen können. Bisher sagen uns die Corona-Statistiken nur, wieviele Personen sich nachgewiesenermaßen angesteckt haben - aber nach wie vor ist unklar, wer alles tatsächlich infiziert war.  

Um eine Herdenimmunität besser zu verstehen, werden Wissenschaftler um Prof. Michael Hölscher von der Uniklinik München in den kommenden Tagen in mehreren tausend Haushalten Antikörper-Untersuchungen mit ELISA durchführen. Erste Ergebnisse werden bereits Anfang Mai erwartet.  

Eine ähnliche Untersuchung in Kalifornien hat bei knapp 3% der Bevölkerung Antikörper gegen SARS-CoV-2 gefunden. Experten gehen davon aus, dass auch in Deutschland der Herdenimmunschutz im niedrigen einstelligen Bereich liegt. Diese und ähnliche Untersuchungen werden uns ein gutes Stück weiter helfen, um abzuleiten, welche Schutzmaßnahmen wirklich für alle sinnvoll sind.

Text: Dr. med. Birgit Degenfeld-Schonburg
Fotos: Dr. med. Birgit Degenfeld-Schonburg